Urbanes Leben
Eine Stadt hat viele Gesichter
Nairobi, die Hauptstadt Kenias, zählt schätzungsweise zwischen fünf und 6 Millionen Einwohner*innen. Sie gehört damit zu den zehn größten Städten Afrikas und wächst stetig um rund vier Prozent im Jahr an.
Nairobi hat auch ziemlich viele Spitznamen. „Nairobbery“ ist vielleicht der bekannteste, denn Taschendiebstahl, Einbrüche und kleinere Überfälle sind hier an der Tagesordnung. Es gilt: Wer sein Handy oder andere Wertsachen draußen zu offen zur Schau stellt, ist selbst schuld – auf funktionierende Strafverfolgung durch die Polizei ist wenig Verlass. Die kleine Häusergemeinschaft, in der ich lebe, ist mit Stacheldraht und Elektrozaun gesichert; es gibt einen Wachmann und Kameras. Unter meinem Bett liegt eine Machete. Wer in einer der Wellblechhütten in Nairobis riesigen Slums lebt, hat nur die Machete.
„Silicon Savannah“ ist ein schmeichelhafterer Spitzname, den sich Nairobi durch die umtriebige Techszene verdient hat. Auch sie prägt das Leben in der Stadt: Behördenangelegenheiten, sämtliche Bezahlungen, Tickets kaufen, ein Motorradtaxi bestellen oder im chaotischen öffentlichen Nahverkehr den nächsten Kleinbus finden – für alles gibt es Apps.
„Green City under the Sun“ ist Nairobis schönster Beiname. Auch er passt, denn Nairobi ist durchzogen und umgeben von Waldgebieten und üppiger Vegetation. Stadtwälder wie der Karura Forest oder das Nairobi Arboretum kosten jedoch Eintritt – die rund ein bis zwei Euro entsprechen dem, was viele Nairobians täglich verdienen. Einzig der Uhuru Park, ein großer, stets überfüllter Park mit See und Spielplätzen im Stadtzentrum, ist frei zugänglich.
Kühler Fluss
Eigentlich kommt der Name Nairobis aus dem Maa, der Sprache der Indigenen Maasai. „Engare Nyarobie“ bedeutet in etwa „kühler Fluss“. Die Wassertemperatur des Nairobi, der nach wie vor durch die Stadt fließt, dürfte an manchen Stellen durch den vielen Müll im Fluss schwer zu bestimmen sein. Und nicht nur im Wasser wird das Müllproblem der Stadt deutlich – Abfall ist allgegenwärtig, Müllabfuhren kommen nur in wohlhabenderen Gegenden regelmäßig. Oft wird der Müll einfach auf der Straße verbrannt oder auf Müllhalden gebracht, wo Müllsammler*innen ihn durchsuchen. Nairobi hat einige der größten Halden Afrikas – aber auch zahlreiche Projekte, die mit neuen Apps, Aufklärungskampagnen oder Müllsammelaktionen gegen das Problem vorgehen.
In einer Stadt wie Nairobi tut sich immer etwas. Aber es werden auch viele Bereiche dramatisch vernachlässigt. Vor zwei Jahren traten der Nairobi und andere Flüsse nach heftigen Regenfällen über die Ufer, sodass viele Menschen ihr Zuhause verloren – insbesondere in informellen Siedlungen. Das Ausmaß der Schäden wäre vermeidbar gewesen, würde die Stadtplanung Slumbewohner*innen systematischer einbeziehen, argumentieren Sam Olando und Eva Dick in ihrem Beitrag zu unserem Schwerpunkt.
Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Insbesondere im Hinblick auf die fortschreitende Klimakrise muss sich das Leben in Metropolen wie Nairobi für alle verbessern – nicht nur für die, die sich ein gutes urbanes Leben selbst leisten können.
Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi.
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