Geschlechtergleichheit
Eine Stadt, in der Frauen Notfallknöpfe brauchen, ist nicht sicher
Als ich kürzlich die Tür öffnete, um Lebensmittel von einem mobilen indischen Lieferservice entgegenzunehmen, war ich angenehm überrascht, eine Frau vor meiner Haustür zu sehen. Ihr Name war Nirmala. Sie erzählte mir, dass mittlerweile mehr Frauen für solche Jobs eingestellt würden. Aber die Arbeit sei herausfordernd – nicht nur wegen der langen Arbeitszeiten, sondern auch wegen Sicherheitsbedenken. Das spiegelt die Realität im urbanen Indien wider: Während Frauen im öffentlichen Raum immer sichtbarer werden, hat die städtische Infrastruktur nicht mitgehalten, um für ihre Sicherheit zu sorgen.
In Indien herrscht nach wie vor eine enorme Geschlechterungleichheit. Laut dem Global Gender Gap Report 2025 des Weltwirtschaftsforums liegt das Land bei der Geschlechtergleichstellung auf Platz 131 von 148 Nationen. Die Rangliste basiert auf vier Schlüsselbereichen: wirtschaftliche Teilhabe und Chancen, Bildungsniveau, Gesundheit und Lebenserwartung sowie politische Mitbestimmung. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Indien gehört mit nur 32,8 % zu den niedrigsten weltweit. Zusätzlich beschneiden tief verwurzelte soziale Normen die Mobilität von Frauen und ihren Zugang zum öffentlichen Leben.
Laut Rahul Goel, Assistenzprofessor für Verkehrsforschung am Indian Institute of Technology in Delhi, sind etliche Frauen nicht nur nicht erwerbstätig – viele gehen gar nicht erst aus dem Haus. Darauf weisen auch Daten aus Indiens erstem Time-Use-Survey hin. Dies zeigt, wie tief die Überzeugung verwurzelt ist, dass Frauen in den privaten Bereich gehören, also in ihr Zuhause.
Trotz dieser Einschränkungen wagen sich immer mehr Frauen nach draußen, auf dem Land wie in der Stadt. Einige aus Not, andere aus freien Stücken. Immer mehr junge Frauen aus kleineren Orten ziehen zur Ausbildung in größere Städte. Diese Entwicklung macht das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum noch dringlicher. Die städtische Umgebung – einschließlich Verkehrssystemen, Straßen und Arbeitsplätzen – spiegelt wider, inwieweit weibliche Mobilität wirklich geschätzt wird.
Wie es tatsächlich aussieht, zeigt sich in systematischen Bewertungen der Sicherheit von Frauen in verschiedenen indischen Städten. Aktuelle Ergebnisse aus dem National Annual Report & Index on Women’s Safety (NARI) 2025 zeigen auf, wo sich Frauen wirklich sicher fühlen – und wo Angst weiterhin ihren Alltag prägt. Der Umfrage zufolge zählen Mumbai, Bhubaneswar und Kohima zu den sichersten Städten für Frauen. Dagegen gehören Delhi, Kolkata und Jaipur zu den unsichersten.
Etwa 40 % der Frauen in indischen Städten geben an, sich unsicher zu fühlen. Nach Einbruch der Dunkelheit verstärkt sich dieses Gefühl, insbesondere in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf den Straßen in ihren Wohngegenden und in Freizeitarealen. Das ist mehr als nur ein subjektiver Eindruck: Laut dem Ende 2025 veröffentlichten Jahresbericht des National Crime Records Bureau wurden 2023 insgesamt 448.211 Straftaten gegen Frauen gemeldet – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren waren am stärksten gefährdet. Zugleich zeigt das NARI, dass viele Straftaten nicht gemeldet werden und es an Vertrauen in die Institutionen fehlt.
Die Kluft zwischen „sichereren“ und „unsicheren“ Städten drückt mehr aus als nur Unterschiede in der Kriminalitätsrate. Sie verweist auf Ungleichheiten in der Infrastruktur, der Verkehrsplanung und im Vertrauen in Institutionen. Angesichts so viel Angst stellt sich eine grundlegende Frage: Wie können indische Stadtverwaltungen es schaffen, vom Reagieren überzugehen zu mehr Prävention und Vertrauensbildung?
Erlebnisse von Frauen sichtbar machen
Nach dem weithin bekannten Vergewaltigungsfall in Delhi 2012 wurden mehrere innovative Initiativen gegründet, um öffentliche Räume für Frauen sicherer zu machen. Eine davon ist das Projekt „Safe City“ der Red Dot Foundation. Es sammelt und dokumentiert die Erlebnisse von Frauen im öffentlichen Raum und nutzt diese Erkenntnisse, um sich für eine andere Stadtplanung und Politik einzusetzen, die Sicherheit und Zugänglichkeit verbessern.
Anders als bei überwachungsintensiven Ansätzen, bei denen es oft primär um Kontrolle geht, ist für Safe City ausschlaggebend, was die Frauen erleben. Im Projekt werden Angst und die Gefahr der Belästigung nicht als individuelle Risiken betrachtet, sondern als stadtplanerisches Versagen. ElsaMarie D’Silva, die Gründerin des Projekts, erklärt: „Safe City schafft einen Mehrwert, weil wir durch diese Geschichten das, was aktuell nicht zu sehen ist, sichtbar machen – und zwar mit Datenpunkten, an die man anknüpfen kann.“
Herzstück des Projekts ist eine anonyme Meldeplattform. Dort können Betroffene ihre Erfahrungen teilen, ohne Angst haben zu müssen, bloßgestellt zu werden. Das Besondere daran: Sexuelle Belästigung und geschlechtsspezifische Gewalt im Alltag – die ansonsten weitgehend undokumentiert blieben – werden über Crowd-Mapping-Daten aufgezeigt. Das Modell wird inzwischen auch außerhalb von Indien genutzt.
Auf der Plattform sind mittlerweile mehr als 100.000 gemeldete Vorfälle weltweit erfasst. Es werden keine Namen, E-Mail-Adressen oder IP-Informationen gesammelt. Jede einzelne Meldung wird von Menschenhand überprüft, um identifizierende Details zu entfernen, ehe sie veröffentlicht wird. Je nach Vorfall werden die Betroffenen automatisch über die einschlägigen indischen Strafgesetze, Hotlines und nahegelegene Krankenhäuser informiert.
Das Projekt bildet inzwischen auch junge Menschen zu „Safety Champions“ aus. Sie bekommen Techniken an die Hand, wie sie als Zeug*innen eingreifen können, erhalten Hintergrundwissen über Gesetze zu geschlechtsspezifischer Gewalt und lernen, Daten-Dashboards zu interpretieren, um lokale Lösungen zu entwickeln. In einigen Stadtvierteln wurden daraus gemeinschaftliche Kunstprojekte, die an Plätzen, die für Belästigungen berüchtigt sind, rechtliche Informationen vermitteln. In anderen Gegenden wurden religiöse und andere lokale Autoritätspersonen einbezogen, um Orte sicherer zu machen.
Auch die Regierung wird aktiv
Im Bundesstaat Haryana hat Safe City geholfen, Polizeibeamte darin zu schulen, anhand von Daten Risikogebiete zu identifizieren und dementsprechend zu patrouillieren. Ähnliche Kooperationen hatten Einfluss auf die Planung des öffentlichen Nahverkehrs der Stadt Chennai und haben dazu beigetragen, die Straßenbeleuchtung und Einsatzpläne der Polizei in anderen Städten weltweit zu verbessern.
Laut der Initiative ist das Vertrauen in die Polizeiarbeit dadurch deutlich gestiegen, weshalb mehr Strafanzeigen erstattet würden. Die Folgen: Frauen können länger draußen bleiben, sich freier bewegen und mehr am städtischen Leben teilnehmen.
Im Rahmen des Safe-City-Project des Innenministeriums haben mehrere Großstädte – darunter Delhi, Mumbai, Kolkata und Bengaluru – eine Kombination aus Überwachungssystemen und Notfallmaßnahmen eingeführt. Der Fokus liegt dabei auf Maßnahmen, die Gewalt verhindern und eine schnellere Reaktion ermöglichen sollen.
Vor allem sollen mit Videoanalyse und künstlicher Intelligenz ausgestattete CCTV-Netzwerke ausgebaut werden. Dies erleichtert es, Brennpunkte rund um Verkehrsknotenpunkte und Geschäftsviertel zu identifizieren. Diese Systeme sind mit den integrierten Kommando- und Kontrollzentren Indiens verbunden. So kann die Polizei öffentliche Räume in Echtzeit überwachen und Personal entsenden, wenn ein Vorfall gemeldet wird. Auch haben die Städte Notfallknöpfe und „Sicherheitsinseln“ in gut beleuchteten Arealen installiert. So können Frauen die Behörden über Sirenen oder Zwei-Wege-Kommunikationssysteme sofort alarmieren.
Neben der Überwachung werden auch mobile Sicherheitstools wichtiger. In Delhi können Nutzer*innen der App „Himmat Plus“ SOS-Notrufe direkt an die Polizei senden. Plattformen wie „Safetipin“ stützen sich auf Crowdsourcing-Daten, um schlecht beleuchtete Straßen und unsichere öffentliche Räume zu kartieren und so Anhaltspunkte für städtebauliche Maßnahmen zu geben.
Diese Tools können zwar dazu beitragen, dass schneller reagiert wird. Expert*innen warnen aber: Technische Hilfsmittel allein können nicht kompensieren, dass öffentliche Räume schlecht gestaltet oder Geschlechternormen in einer Gesellschaft fest verankert sind. Wie die feministische Wissenschaftlerin Shilpa Phadke in „Why Loiter?“ („Warum trödeln?“) – einem wegweisenden Text zum feministischen Urbanismus – argumentiert, behandeln indische Städte die Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum weiterhin als bedingt zulässig. Von Frauen wird erwartet, dass sie sich nur zu einem bestimmten Zweck im Freien aufhalten, während Männer sich selbstverständlich frei bewegen dürfen. Solange Frauen sich nicht in Städten bewegen können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, wird keine noch so intensive Überwachung urbane Räume wirklich sicher machen. Für Frauen wie Nirmala geht es bei Sicherheit nicht um Kameras oder Apps – sondern darum, einfach nach draußen gehen zu können, ohne dass jedes Mal ein Kampf daraus wird.
Roli Mahajan ist eine Journalistin aus Lucknow, Indien.
roli.mahajan@gmail.com