Landrechte und Umweltschutz
Wo ist Julia Chuñil?

„Für uns ist meine Mutter nicht mehr am Leben. Auch wenn das im Moment hart klingt, wollen wir wenigstens ihre Gebeine finden.“ Diese Sätze stammen von Pablo San Martín Chuñil, einem der fünf Kinder von Julia Chuñil Catricura. Die Umweltaktivistin der Mapuche wurde zuletzt am 8. November 2024 gesehen, auf einem umkämpften Grundstück in der Nähe des Ortes Máfil, etwa 800 Kilometer südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago.
Die damals 72-Jährige kämpfte um ein bewaldetes Grundstück namens Reserva Cora Número Uno-A im Namen der Mapuche-Gemeinschaft, deren Anführerin sie war. Julia Chuñil wollte das Land in der Mapuche-Tradition erhalten, die von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Viehzucht geprägt ist, und verhindern, dass ein Forstwirtschaftsunternehmen in das Gebiet vordringt.
Als soziale und ökologische Vorreiterin in der Region machte sich Julia Chuñil Feinde. Laut ihrer Familie erhielt sie Drohungen und Bestechungsversuche, denen sie sich allerdings widersetzte. Die Familie verdächtigt einen regionalen Unternehmer: Er habe sie verschwinden lassen, weil er den Wald abholzen wolle. Die Staatsanwaltschaft hat zwar polizeiliche Ermittlungen angeordnet, doch diese brachten bislang mehr Fragen als konkrete Fortschritte.
Eine Geschichte voller Konflikte
Julia Chuñils Fall beschäftigt viele Menschen in Chile und hat auch ein internationales Medienecho ausgelöst. Er reiht sich ein in die lange Geschichte des Konflikts zwischen dem chilenischen Staat und der Gemeinschaft der Mapuche, der größten Indigenen Bevölkerungsgruppe des Landes. Seit 1990, als die Demokratie eingeführt wurde, setzen sich viele Indigene Anführer*innen in Chile für die Verteidigung ihres Territoriums ein – wie auch Julia Chuñil, die in der Stadt lebte und aufs Land zurückkehrte, um angestammte Mapuche-Gebiete gegen den Holzabbau zu verteidigen. Zeitgleich wurde das Holzgeschäft immer lukrativer, vor allem die Abholzung von Kiefern und Eukalyptusbäumen.
Die Forstwirtschaft ist derzeit der drittgrößte Exportzweig des Landes – nach Kupferbergbau sowie Fischerei und Aquakultur –, was zu einem Rückgang landwirtschaftlicher Flächen führt. Im Jahr 2022 waren in Chile mehr als 2 Millionen Hektar Land für die Holzgewinnung vorgesehen. Dies führt seit Längerem zu direkten Konfrontationen mit Mapuche-Gruppen, die ihre ländliche Lebensweise verteidigen.
Beispielsweise kam es bereits 1997 zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Abholzungsunternehmen seitens Mapuche-Gruppen im Süden Chiles. Polizeieinsätze von links- und rechtsgerichteten Regierungen gleichermaßen ließen die Situation weiter eskalieren. Dutzende Zivilist*innen und Polizist*innen verloren ihr Leben. Zugleich nutzten kriminelle Gruppen aus dem Drogen- und Holzraubmilieu diesen sogenannten „Mapuche-Konflikt“, um ihr illegales Geschäft in den ländlichen Gebieten Chiles aufzubauen. Die Mischung aus Gewalt, Repression und Kriminalität führte dazu, dass in zwei der am stärksten betroffenen Regionen der Ausnahmezustand ausgerufen wurde – also das Militär Sicherheitsbefugnisse erhielt.
Gegenseitiges Misstrauen
Gloria Callupe Rain ist Mitglied der Kommission für Frieden und Verständigung, die unter der linksgerichteten Regierung von Präsident Gabriel Boric geschaffen wurde, um den Dialog mit den Mapuche zu fördern. Die Mapuche-Expertin beschreibt den Konflikt des chilenischen Staats mit seinen Indigenen Völkern als tiefgreifend, historisch bedingt und von gegenseitigem Misstrauen geprägt.
„Gewalt hat viele Ausdrucksformen und hängt auch mit der Beziehung des Staates zum Volk der Mapuche sowie den unzähligen gebrochenen Versprechen zusammen. Wir haben Institutionen, die ihren Aufgaben nicht gerecht werden, und sich über Jahre hinziehende Prozesse, obwohl es um legitime Forderungen wie Landrückgabe und Anerkennung geht. Das führt zu Frustration, Schmerz und Hoffnungslosigkeit, und dann kommt es zu Gewalt“, erklärt sie.
Für Gloria Callupe ist die Geschichte von Julia Chuñil auch die Geschichte der historischen Entrechtung des Mapuche-Volkes. „Erst wenn man die Tiefe des Konflikts und den enormen Schaden, den er angerichtet hat, versteht, wird man erkennen, dass das Mapuche-Volk Wiedergutmachung und keine Bevorzugung fordert.“
Niemand sucht mehr nach Julia
Karina Riquelme Viveros, Anwältin und langjährige Verteidigerin in Mapuche-Fällen sowie Vertreterin von Pablo San Martín Chuñil, sagt, die einzige Gewissheit, die die Familie der verschwundenen Umweltaktivistin heute habe, bestehe darin, dass „die Suchbemühungen in den vergangenen acht Monaten unzureichend waren“. Die Menschenrechtsanwältin wirft den Ermittlungsbehörden vor, versucht zu haben, Julias eigene Kinder für ihr Verschwinden verantwortlich zu machen. Dabei hätten sie viel naheliegendere Ermittlungsansätze außer Acht gelassen und etwa die ständigen Schikanen, denen Julia Chuñil ausgesetzt war, nicht berücksichtigt.
„Das größte Hindernis sind der Klassismus und der Rassismus der Institutionen, die zunächst nur gegen die Familie ermittelt haben und alle anderen Aspekte außer Acht gelassen haben“, sagt Karina Riquelme Viveros. „Dadurch sind die Chancen gesunken, Julia zu finden.“ Hinzu komme, dass derzeit administrative und finanzielle Gründe dafür angeführt würden, dass bestimmte Ermittlungsmaßnahmen unterblieben, was sie für ungewöhnlich halte.
Sie fügt hinzu, ihr Mandant Pablo San Martín Chuñil befürchte, Opfer einer konstruierten Anklage zu werden. Pablo San Martín Chuñil bestätigt die Aussagen seiner Anwältin. „Für uns als Familie waren diese Monate sehr schwer“, sagt er. „Man hat immer versucht, uns für das Verschwinden meiner Mutter verantwortlich zu machen. Man hat versucht, meiner Schwester die Schuld zu geben. Sie wurde in einen Lieferwagen gesperrt und dazu aufgefordert, sich selbst zu belasten. Es war schrecklich. So ist es sehr schwer, Vertrauen zu haben.“ Die Suche nach seiner Mutter sei bereits eingestellt worden, und die Hoffnung der Familie schwinde – während die Justiz weiterhin keine Antworten gebe.
Solidarität in Chile und weltweit
Während die Welt auf den Fall Chuñil blickt, werden Menschen, die sich für Landrechte und die Umwelt einsetzen, weiterhin massiv verfolgt. Laut einem Bericht der zivilgesellschaftlichen Organisation Global Witness wurden im Jahr 2023 mindestens 196 von ihnen ermordet, 85 % davon in Lateinamerika, vor allem in Kolumbien und Brasilien.
Auch wenn Chile von Ausmaßen wie in diesen Ländern noch entfernt ist, haben gewalttätige Übergriffe auf Aktivist*innen zuletzt zugenommen. Im Jahr 2024 dokumentierte die zivilgesellschaftliche Organisation Escazú 47 Fälle von Menschenrechtsverletzungen gegen Umweltaktivist*innen; etwa die Hälfte davon waren körperliche Angriffe.
Escazú unterstützt auch die Angehörigen von Julia Chuñil. Juristisch setzen sie angesichts der fehlenden Fortschritte auf eine Internationalisierung des Falles. So forderte die Interamerikanische Menschenrechtskommission im Juli den chilenischen Staat auf, die Bemühungen zur Suche nach Chuñil zu verstärken.
Auch auf lokaler Ebene wächst die Solidarität mit der Familie. Javier del Río Richter ist Sprecher der „Koordinierungsgruppe für Julia Chuñil“, einer von vielen spontan gegründeten Zusammenschlüssen, die Julia und ihre Familie unterstützen möchten. Er berichtet, dass die Gruppe jeden Donnerstag um 18 Uhr in der Stadt Concepción mit einer Demonstration auf den Fall aufmerksam macht. „Damit zeigen wir der Familie, dass sie nicht allein ist, dass wir mehr sind, die für ihre Mutter, für ihre Großmutter, für Julia kämpfen“, sagt Javier del Río Richter. Über Social Media stehe man in Kontakt mit anderen Unterstützergruppen, auch außerhalb Chiles, etwa in Mexiko, Spanien, Argentinien und Brasilien, wo der Fall ebenfalls Interesse geweckt habe.
Diese Zeichen der Zuneigung helfen Julia Chuñils Familie, den Schmerz zu ertragen. Auch sie können aber die Fragezeichen, die dieser Fall aufwirft, nicht ausräumen. „Wir wollen nur, dass diese Tortur ein Ende hat, dass die Justiz ihre Arbeit macht, dass keine Unschuldigen mehr beschuldigt werden und dass der wahre Verantwortliche für das Verschwinden meiner Mutter gefunden wird“, sagt Pablo San Martín Chuñil.
Javier A. Cisterna Figueroa ist ein chilenischer Journalist und lebt in Concepción.
cisternafigueroa@gmail.com