Entwicklung und
Zusammenarbeit

Stadtverkehr

Wie Lagos sauberer und gesünder wird

Die Bewohner*innen der nigerianischen Metropole leiden unter schwerer Luftverschmutzung, Verkehrsstaus und einer autozentrierten Stadtplanung. Lokale Initiativen bringen Lösungen zur Neugestaltung öffentlicher Räume und des Verkehrs ein – von Citizen Science bis hin zu autofreien Tagen. Für einen echten Wandel müssen Behörden, Forschende und die Stadtbevölkerung jedoch gemeinsam an Lagos’ Zukunft arbeiten.
Radfahrer*innen versammeln sich während des World Car Free Day 2022 der Regierung des Bundesstaates Lagos. picture alliance/NurPhoto/Adekunle Ajayi
Radfahrer*innen versammeln sich während des World Car Free Day 2022 der Regierung des Bundesstaates Lagos.

Lagos ist berüchtigt für seine ständigen Verkehrsstaus, die die Menschen vor Ort schlicht „go-slow“ nennen. Das hohe Verkehrsaufkommen der Stadt, kombiniert mit einer alternden Fahrzeugflotte, veralteten Emissionskontrollen und schwefelhaltigen Kraftstoffen, führt dazu, dass der Straßenverkehr einen erheblichen Teil der PM2,5-Luftverschmutzung verursacht. Diese Art von Emissionen trägt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs und Atemwegserkrankungen bei, was wiederum zu erhöhtem Arbeitsausfall und vorzeitigen Todesfällen führt. Nach Angaben des Clean Air Fund waren im Jahr 2019 rund 24.000 vorzeitige Todesfälle in Lagos auf Luftverschmutzung zurückzuführen. Die Organisation schätzt, dass die wirtschaftlichen Kosten der Luftverschmutzung – unter der Annahme, dass alles beim Alten bleibt – von 1,4 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf 9,9 Milliarden Dollar im Jahr 2040 steigen werden.

Weltweit gewinnt der umweltfreundliche öffentliche Nahverkehr zunehmend an Bedeutung, um Emissionen zu senken und das städtische Leben zu verbessern. Die globalen Verkaufszahlen von Elektroautos brechen Rekorde; China ist der größte Markt. In Städten wie Santiago de Chile wurden Elektrobusse eingeführt; dort fahren bereits 40 % der gesamten Busflotte elektrisch. Auf dem afrikanischen Kontinent hat Äthiopien durch den Ausbau seiner Lade­infrastruktur und den Einsatz lokal hergestellter Elektrobusse Aufmerksamkeit erregt. 

 

In vielen Teilen Äthiopiens ist unklar, wie Elektromobilität umgesetzt werden soll.

Lagos’ Ambitionen stehen im Einklang mit diesen globalen Entwicklungen. Der gleichnamige nigerianische Bundesstaat, in dem die Metropole liegt, hat eine ehrgeizige langfristige Verkehrspolitik veröffentlicht. Sie sieht vor, den Anteil der Autofahrten am Gesamtverkehrsaufkommen von elf Prozent im Jahr 2015 auf zwei Prozent im Jahr 2050 zu senken und bis dahin 52 % der BRT-Busse (Bus Rapid Transit) mit sauberer Energie zu betreiben.

Fortschritte gibt es bereits jetzt. 2023 führte die Lagos Metropolitan Area Transport Authority (LAMATA) Elektrobusse auf wichtigen BRT-Strecken ein, wodurch die CO₂-Emissionen auf einigen dieser Strecken um 13 % gesenkt wurden und sich die Situation für Pendler*innen deutlich verbesserte. 2025 kündigte LAMATA an, bis 2030 insgesamt 10.000 Elektrobusse einzusetzen, und der Verkehrskommissar des Bundesstaates Lagos, Oluwaseun Osiyemi, stellte Pläne zur Einführung von 2000 Bussen mit komprimiertem Erdgas (CNG) vor. Neben Investitionen in elektrische Bahnverbindungen – deren Strom derzeit weitgehend mithilfe von Diesel und Gas produziert wird – sowie in den Wassertransport sollen diese Maßnahmen ein stärker integriertes, multimodales Verkehrssystem schaffen.

Die Elektrifizierung allein birgt jedoch die Gefahr, tiefgreifendere strukturelle Herausforderungen zu verschleiern. Sauberere Busse senken zwar Emissionen, lösen aber weder Staus noch ungleiche Zugänge zur Mobilität oder eine autozentrierte Gestaltung des Straßenraums. In Lagos werden bereits über 40 % aller Wege ohne motorisierte Fahrzeuge zurückgelegt, meist zu Fuß. Dennoch dominieren der informelle Verkehr und private Autos den Straßenraum. Der BRT bedient nur rund drei Prozent aller täglichen Nutzer*innen des Straßennetzes im Bundesstaat. Angesichts unzureichender Gehwege, unsicherer Übergänge und mangelnder Radinfrastruktur ist festzuhalten: Lagos räumt weiterhin Fahrzeugen Vorrang vor Menschen ein.

Um diese Lücken zu schließen, braucht es einen ganzheitlicheren Ansatz für städtische Innovationen – einen, der Mobilität, Gesundheit und öffentlichen Raum zusammendenkt. Initiativen wie UrbanBetter und die Lagos Urban Development Initiative (LUDI) zeigen, wie von Bürger*innen bereitgestellte Daten und partizipative Maßnahmen den technologischen Wandel ergänzen können.

Bürger*innen gestalten Innovation

In einer so riesigen und sich ständig verändernden Stadt wie Lagos sind die offiziellen Daten zur Luftqualität nach wie vor unzureichend und ungleichmäßig verteilt, sodass große Gebiete für die Regierung praktisch unsichtbar bleiben. Die Cityzens-Initiative von UrbanBetter, die in Städten wie Accra, Nairobi und Bogotá aktiv ist, hilft, diese Lücke zu schließen, indem sie Anwohner*innen schult und sie mit tragbaren Luftqualitätsmessgeräten ausstattet. Jugend- und Gemeindegruppen agieren als Bürgerwissenschaftler*innen und nutzen kostengünstige Sensoren, um PM2,5-Werte zu messen und gleichzeitig die lokal vorherrschenden Bedingungen zu kartieren. Die Daten werden hochgeladen, gemeinsam ausgewertet, visualisiert und mit Behörden, Gemeinden und der Öffentlichkeit geteilt, um Dialog anzuregen und weitere Maßnahmen zu initiieren.

Dieser Ansatz stellt herkömmliche Modelle der Gestaltung von Städten infrage. Anstatt sich ausschließlich auf externe Expert*innen zu verlassen, befähigt er Bürger*innen, insbesondere junge Menschen, selbst Wissen zu generieren und so Transparenz und Rechenschaftspflicht zu stärken. Öffentlich zugängliche Daten erweitern die Entscheidungsgrundlage und drängen politische Akteure dazu, auf gelebte Realitäten zu reagieren. Sie befördern damit inklusivere Debatten über Verkehr, Gesundheit und Stadtplanung insgesamt.

Anfang 2025 sammelte die Cityzens-Initiative beispielsweise Daten zur Luftverschmutzung entlang der Strecke des Lagos City Marathon, vor und während der Veranstaltung. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schadstoffwerte während des Marathons um 60 % sanken, hauptsächlich aufgrund teilweiser Straßensperrungen – ein klarer Hinweis darauf, dass weniger Verkehr die Luftqualität erheblich verbessern kann. Die Initiative präsentierte die Daten den Behörden und nutzte sie, um für einen saubereren und gesünderen Stadtverkehr in Lagos zu werben.
UrbanBetter hat zudem das Konzept sogenannter Clean Air Zones weiterentwickelt – Orte, an denen schattige Gehwege, Radwege und städtische Begrünung dahingehend getestet werden, wie gut sie Belastungen durch Luftverschmutzung und Hitze reduzieren und einen gesünderen Lebensstil fördern. Im April 2025 organisierte der Lagos Cityzens Hub einen Workshop zur gemeinsamen Gestaltung einer Pilotzone für Clean-Air-Training, wobei Luftqualitätsdaten mit konkreten Maßnahmen im städtischen Raum verknüpft wurden.

Urbanen Wandel anstoßen

Um Erkenntnisse in reale Veränderungen zu übersetzen, braucht es Experimente im öffentlichen Raum. Die Lagos Urban Development Initiative (LUDI) spielt dabei eine Schlüsselrolle an der Schnittstelle von Daten, Partizipation und physischer Umgestaltung. In den vergangenen fünf Jahren hat LUDI partizipative urbane Interventionen in ganz Lagos erprobt – von Gemeinschaftsgärten und Parklets über Mülltrennung bis hin zu autofreien Tagen. Indem sie die Menschen vor Ort mit Fachleuten und Regierungsvertreter*innen zusammenbringt, will die Initiative die Dominanz des Autos infrage stellen und zeigen, wie lokal getragene Projekte einen breiteren Wandel in der Stadt auslösen können. Sie legt besonderen Wert darauf, die Stimmen von Gruppen zu stärken, die häufig aus Stadtplanungsprozessen ausgeschlossen sind.

Autofreie Tage sind zu einem zentralen Bestandteil dieses Ansatzes geworden. In Lagos regen sie Communities und politische Akteure dazu an, die Nutzung von Straßen neu zu denken. Die Veranstaltungen dienen als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit für fußgängerfreundliche Räume. Sie binden zudem Akteure ein, die in solchen Diskussionen meist fehlen, darunter Frauengruppen und lokale Vereinigungen.
Autofreie Tage haben weltweit eine lange Geschichte; sie entstanden in den 1950er-Jahren und gewannen nach der Ölkrise von 1973 an Bedeutung. LUDI hat das Konzept an Lagos angepasst. Seit 2022 arbeitet die Initiative mit Fahrradgruppen, NGOs und staatlichen Stellen zusammen – auch mit LAMATA und dem Verkehrsministerium des Bundesstaates Lagos –, um diese Maßnahmen auszuweiten. In den vergangenen Jahren wurden autofreie Tage in das Sustainable Transport Festival (STF) integriert.

2025 verwandelte das STF in Lagos vorübergehend Straßen in fünf Gegenden in Räume zum Lernen, Spielen und Austauschen über saubere Mobilität. Mehr als 1000 Bewohner*innen nahmen teil. Das Festival endete mit einer politisch ausgerichteten Konferenz, auf der die Erfahrungen der Communitys mit Daten und Entscheidungsprozessen zusammengebracht wurden. All diese Initiativen zeigen: Gemeinschaftlich entwickelte Experimente im Straßenraum können den nicht motorisierten Verkehr sichtbar machen, die Bürgerbeteiligung stärken und die Nutzung öffentlicher Räume in Lagos neu denken.

Bevölkerung und Politik zusammenbringen

Die städtische Transformation in Lagos hängt letztlich davon ab, Erkenntnisse aus der Bevölkerung mit den strategischen Zielen der Stadt zu Klimaschutz, Mobilität, Gesundheit und Resilienz zu verbinden. Ein aktuelles Whitepaper von UrbanBetter zeigt: Innovationen wie Citizen Science können staatliche Prioritäten direkt unterstützen – vom Lagos Climate Action Plan über die Non-Motorised Transport (NMT) Policy bis hin zu den Verpflichtungen der Stadt in ihrer Lagos Resilience Strategy. Bürgerwissenschaftler*innen schließen lokale Datenlücken und tragen so dazu bei, dass politische Konzepte auch die Lebensrealität der Menschen widerspiegeln. Es geht darum, jenseits abstrakter Ziele zu einer fundierteren, inklusiveren Politik zu kommen.

Eine wirksame Transformation erfordert zudem Governance-Strukturen, die Beiträge aus der Bevölkerung in formale Planungsprozesse integrieren. Die Arbeit der Cityzens-Initiative, LUDIs Analysen zum Zu-Fuß-Gehen und die Erkenntnisse aus autofreien Tagen fließen zunehmend in politische Foren in Lagos ein, in denen Entscheidungen getroffen werden. Dazu zählen die Debatten der Umweltschutzbehörde des Bundesstaates Lagos über Luftqualität und die Dialoge von LAMATA zu Mobilität und Fuß­verkehr. Sauberere Luft oder klimaresiliente Straßen entstehen nicht allein durch neue Technologien; sie setzen Verwaltungskulturen voraus, in denen Transparenz, geteilte Erkenntnisse und gemeinsame Gestaltung wertgeschätzt werden.

Damit Lagos eine Vorreiterrolle einnehmen kann, muss die Zukunft der Stadt gemeinsam von ihren Bewohner*innen und der Politik mittels technologischer Lösungen gestaltet werden. Der Weg nach vorn ist klar: Lagos muss in eine Stadt investieren, in der Menschen sich sicher ­bewegen, frei atmen und aktiv an der Gestaltung der urbanen Zukunft mitwirken können. Diese Schritte sind das eigentliche Maß für Fortschritt – und sie sind für Lagos definitiv erreichbar.

Quellen

Clean Air Fund: Lagos and air pollution. 

UrbanBetter: Cityzens initiative.

UrbanBetter, 2025: Hope infrastructure for healthy, climate-resilient cities. 

Lagos Urban Development Initiative

Olaniyi, T. K. and Ajayi, A. J., 2024: Building a sustainable city in Lagos: insight from the transport initiatives from Freiburg and London. International Journal of Innovative Business Strategies (IJIBS), Volume 10, Issue 1.

Olamide Udoma-Ejorh ist Stadtaktivistin, Forscherin und Beraterin sowie Gründungsdirektorin der Lagos Urban Development Initiative (LUDI). Ihr Schwerpunkt liegt auf menschenzentrierter Stadtentwicklung, öffentlichem Raum, Verkehr, der Verbesserung informeller Siedlungen und Wohngerechtigkeit.
info@ludi.org.ng 

Waziri Mainasara ist Ökonom und Umweltschützer mit den Schwerpunkten Luftqualität, urbane Mobilität und Bürgerwissenschaft. Er ist Koordinator des Lagos Cityzens Hub von UrbanBetter.
waziri@urbanbetter.science 

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