Internationale humanitäre Hilfe
Der UN-Plan für humanitäre Hilfe in Zeiten schrumpfender Mittel
Das internationale System humanitärer Hilfe sieht sich mit zwei Entwicklungen konfrontiert, die ihm immer mehr zusetzen. Erstens sind die Bedarfe stark gestiegen: Zunehmende Gewalt und die sich verschärfende Klimakrise haben die Zahl der Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, von 77,9 Millionen im Jahr 2015 auf 305 Millionen im Jahr 2025 erhöht, wie der Global Humanitarian Overview berichtet, die jährliche UN-Analyse zum weltweiten humanitären Bedarf.
Zweitens fehlen seit Langem die nötigen Mittel. Bis 2022 stiegen die Gelder für humanitäre Hilfe zwar an, lagen aber stets deutlich unter dem tatsächlichen Bedarf. Im Jahr 2024 gingen die öffentlichen Gelder um zehn Prozent zurück – einer der größten prozentualen Rückgänge und der bis dahin höchste absolute Rückgang überhaupt. Infolgedessen mussten viele Akteure Programme kürzen oder ganz einstellen.
Seither hat sich die Krise weiter verschärft. Während die USA 2024 noch etwa 40 % der weltweiten humanitären Finanzierung stellten, sanken die Ausgaben für humanitäre Hilfe unter Präsident Donald Trump im Jahr 2025 um etwa 75 %. Mit USAID schloss Trump die bis dahin wichtigste Regierungsstelle für die Verwaltung von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Diese Schritte haben offenbar einen besorgniserregenden Präzedenzfall geschaffen: Viele Länder priorisierten seither ihre Verteidigungsausgaben, kürzten aber Mittel für staatliche Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe.
Deutschland spielte in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle bei der Finanzierung humanitärer Hilfe, kürzte aber sein Budget ebenfalls um 53 %. Auch das Vereinigte Königreich und andere Geberländer nahmen Kürzungen vor und verschärften damit das globale Defizit weiter. Die Folgen könnten verheerend sein: Laut einem alarmierenden Bericht in The Lancet könnten allein die Kürzungen der US-Gelder bis 2030 zu über 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen.
Die internationale humanitäre Hilfe steht zudem vor strukturellen Herausforderungen. Unter anderem stellt sich die Frage nach einem angemessenen Umgang mit den Machtverhältnissen zwischen verschiedenen Gruppen von Akteuren. Lokale und nationale Akteure (LNAs) sind beispielsweise unverzichtbar für wirksame humanitäre Hilfe: Sie kennen die lokalen Gegebenheiten, sprechen die Landessprachen und sind eingebettet in die Netzwerke vor Ort. Dennoch werden sie in der internationalen Hilfsarchitektur strukturell marginalisiert, haben nur begrenzten Zugang zu Finanzmitteln und werden häufig in übergreifende Entscheidungsprozesse nicht einbezogen. Obwohl seit Langem ein Konsens darüber besteht, dass lokale Führung und Finanzierung gestärkt werden müssen, sind die Fortschritte bisher gering. Die Marginalisierung besteht auch deshalb fort, weil UN-Organisationen und andere internationale Akteure von den bestehenden Finanzierungs- und Kontrollsystemen bevorzugt werden. Solche risikoaversen Geberpraktiken und komplexe bürokratische Anforderungen benachteiligen lokale Organisationen.
Der „Humanitarian Reset“
Als Reaktion auf diese Entwicklungen kündigte Tom Fletcher, UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator, im Februar 2025 die Initiative „Humanitarian Reset“ an. Fletcher verwies auf eine „tiefgreifende Krise der Legitimität, Moral und Finanzierung“ und forderte die humanitäre Gemeinschaft auf, Macht an lokale Führungspersönlichkeiten im humanitären Bereich zu übertragen, flexibler und effizienter zu werden und dringende, lebensrettende Maßnahmen zu priorisieren. Im Laufe des vergangenen Jahres wurden so verschiedene Arbeitsbereiche eingerichtet. Sie sollten Reformen vorantreiben und dabei humanitäre Prinzipien ebenso wahren wie einen gewissen Handlungsspielraum. Die meisten dieser Arbeitsgruppen haben bislang keine konkreten Ergebnisse hervorgebracht – es gibt jedoch einige bemerkenswerte Ausnahmen.
Dazu gehört unter anderem der „hyperpriorisierte“ Global Humanitarian Overview (GHO). In dessen Rahmen wurden Prioritäten neu verteilt, was die Zahl der Menschen mit Anspruch auf humanitäre Hilfe drastisch reduziert hat. Dieser Ansatz gilt einerseits als pragmatische Reaktion auf Finanzierungsengpässe, andererseits rief er auch Kritik hervor: Es werde eine neue, noch niedrigere Untergrenze geschaffen – und der Eindruck vermittelt, der humanitäre Sektor habe zuvor mit überhöhten Zahlen gearbeitet.
Mehr Mittel für lokale und nationale Akteure
Besondere Aufmerksamkeit erhielt zudem die erneute Betonung gemeinsamer Fonds, darunter insbesondere die länderspezifischen Poolfonds des Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) der UN. Gemeinsame Fonds bündeln Gelder auf Länder- oder regionaler Ebene und verteilen sie an die ausführenden Akteure. Im Rahmen des Humanitarian Reset schlägt der Nothilfekoordinator vor, künftig 50 % des globalen humanitären Budgets über solche Fonds zu bündeln und bis zu 70 % der Mittel an LNAs zu vergeben. Sollte sein Vorschlag Erfolg haben, würde dies einen grundlegenden Wandel in der Finanzierung humanitärer Hilfe bedeuten. Um mehr zu sein als Symbolpolitik, müssen die Poolfonds aber schnell, flexibel, transparent und vorausschauend agieren und für lokale Akteure tatsächlich zugänglich sein.
Zudem sollte ein plötzlicher und deutlicher Anstieg der Mittel für LNAs zunächst auf bestehenden Strukturen der gegenseitigen Unterstützung aufbauen. So ließen sich Kapazitäten und Risiken aufteilen und die Rechenschaftspflicht klären. Für diese Aufgaben bieten sich internationale NGOs und andere Partner an. Eine Reform der länderspezifischen Poolfonds wird aber allein nicht ausreichen; ergänzende Finanzierungsmodelle auf Länderebene sind ebenfalls erforderlich, um humanitäre Hilfe flexibel und kontextgerecht bereitzustellen.
Parallel zum Humanitarian Reset leitet UN-Generalsekretär António Guterres eine umfassendere, systemweite Reform der UN unter dem Namen UN80-Initiative. Während sich der Humanitarian Reset auf humanitäre Hilfe konzentriert, bezieht sich UN80 auf das gesamte UN-System. Das Ziel: Angesichts knapper werdender Ressourcen sollen die UN agiler und integrierter werden und besser auf die komplexen globalen Herausforderungen reagieren können.
Vorausschauend handeln statt nur reagieren
Die Entscheidungsbefugnisse und Finanzierung von LNAs zu stärken, ist nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit, sondern auch entscheidend, um das ganze System effizienter und wirksamer zu machen. Eine sinnvolle Verlagerung der Verantwortung auf lokale Ebenen erfordert jedoch, dass Akteure, die bislang übermäßig viel Einfluss hatten, einen Teil ihrer Kontrolle abgeben. Dies bleibt eine der zentralen Spannungen des Humanitarian Reset, der bisher weitgehend von UN-geführten Strukturen gestaltet wird. NGOs und Geberinstitutionen hatten bislang nur sehr begrenzt die Möglichkeit, sich systematisch zu beteiligen, obwohl sie für die Zukunft des Systems entscheidend sein werden. Das gilt insbesondere für lokale und nationale Akteure. Sie breiter und inklusiver zu beteiligen, ist daher unerlässlich, wenn der Reset nachhaltige Veränderungen bewirken soll.
Gleichzeitig sollte die aktuelle Reform dazu genutzt werden, das bisher überwiegend reaktive System vorausschauender auszurichten. Humanitäre Krisen werden zunehmend vorhersehbar, und es gibt mittlerweile etliche Belege dafür, wie kosteneffektiv Maßnahmen sind, die Krisen abmildern, noch bevor sie sich voll entfalten. Vorausschauendes Handeln rettet Leben, schützt Lebensgrundlagen und stärkt die Widerstandskraft der Betroffenen, was humanitäre Hilfe für sie auch würdevoller macht. Solche antizipierenden Ansätze, die bestenfalls lokal gesteuert sind und auf dem Wissen und den Erfahrungen der lokalen Bevölkerung basieren, sind daher zentral für eine zukunftsfähige humanitäre Hilfe.
Die Welthungerhilfe, eine der größten privaten Hilfsorganisationen Deutschlands, begrüßt die Chance zur Reform des Systems, die der Humanitarian Reset bietet. Wir setzen uns ein für vorausschauende humanitäre Hilfe, dezentrale Ansätze und ein System, das die Menschen vor Ort in den Fokus rückt. Gerechte, wirksame und effiziente humanitäre Hilfe kann nur gelingen, wenn sie inklusiver wird und Entscheidungen mit allen relevanten Akteuren gemeinsam getroffen werden.
Reformen allein können aber letztlich die klaffende Finanzierungslücke nicht schließen. Selbst wenn das System spürbar effizienter würde, kann es steigenden Bedarfen bei gleichzeitig schrumpfenden Mitteln nicht gerecht werden – unterfinanziert war es ja bereits zuvor. Soll die humanitäre Hilfe also ihren Prinzipien treu bleiben und weiterhin wirksam sein, ist es absolut notwendig, dass ihr deutlich mehr Mittel zur Verfügung stehen, und zwar über mehrere Jahre hinweg zuverlässig finanziert.
Quellen
OCHA, 2025: The Humanitarian Reset
OCHA, 2024: Global Humanitarian Overview 2025
OCHA, 2025: Global Humanitarian Overview 2026.
Welthungerhilfe, 2025: The Humanitarian Reset
Martin Ohms ist Junior-Experte im Bereich humanitäre Hilfe bei der Welthungerhilfe.
martin.ohms@welthungerhilfe.de
Jessica Kühnle ist Beraterin für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation im Bereich vorausschauende humanitäre Hilfe bei der Welthungerhilfe.
jessica.kuehnle@welthungerhilfe.de
Matthias Amling ist stellvertretender Direktor für humanitäre Hilfe bei der Welthungerhilfe.
matthias.amling@welthungerhilfe.de