Geopolitik
Lateinamerika soll wieder zum US-Hinterhof werden
Ehrlicherweise kam der Angriff der USA auf Venezuela – oder, genauer gesagt, die illegale Entführung von Nicolás Maduro – nicht ohne Vorwarnung. Am 2. Dezember 2025 hatte Trump in einer Präsidialerklärung verkündet: „Die Monroe-Doktrin ist dank meines Trump-Korollars neu belebt und wohlauf – und die Führungsrolle Amerikas kehrt zurück, stärker denn je zuvor.“ Damit machte er mehr als klar, dass er Lateinamerika in den Einflussbereich der USA zurückholen will.
Die Monroe-Doktrin geht auf das Jahr 1823 zurück, als US-Präsident James Monroe die westliche Hemisphäre als Einflussbereich der USA beanspruchte und sich damit gegen die kolonialen Zugriffe Europas stellte. 1904 erweiterte Präsident Theodore Roosevelt diese Idee um den „Roosevelt-Zusatz“. Er erklärte die USA zum Garanten für Ordnung und Stabilität in der Region. Diese Behauptung diente als Rechtfertigung für die USA, Mittelamerika und die Karibik wiederholt anzugreifen und zu besetzen. Es waren die Zeiten, in denen die lateinamerikanischen Länder auch als Hinterhof der USA bezeichnet wurden.
Heute räumt das Trump-Korollar den Beziehungen zu Lateinamerika nach, wie er sagt, „Jahren der Vernachlässigung“, einen hohen Stellenwert in Washingtons Außenpolitik ein. Praktisch ist es jedoch eher ein unklarer und inkonsistenter Ansatz als eine kohärente Strategie, der Hegemonie mit Dominanz verwechselt und Probleme militarisiert, die nicht militärischer Natur sind, wie Migration und organisierte Kriminalität. Trumps Militärangriff auf Venezuela ist ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht.
Gleiches gilt für Washingtons neue Nationale Sicherheitsstrategie (NSS), die am 5. Dezember 2025 bekannt gegeben wurde. Sie konzentriert sich bei Lateinamerika auf irreguläre Migration und Drogenhandel. Allerdings ignoriert das Dokument die schwere Krise in Haiti weitgehend. Das ist irritierend, hat sie doch weitreichende Folgen für Migration und regionale Stabilität. Auch die Beziehungen zu Brasilien und Mexiko, den größten Volkswirtschaften der Region, werden in der NSS nicht thematisiert.
Migration und Drogenhandel scheinen also doch nicht die einzigen Motive für Trumps Politik zu sein. Es stimmt wohl, dass Drogenhandel und Handelsdefizite zur Rechtfertigung für Zollerhöhungen in Ländern wie Mexiko herangezogen wurden. Aber die gegen Brasilien verhängten Zölle von 50 % waren eindeutig politisch motiviert. Sie hatten die Absicht, Trumps Verbündeten Jair Bolsonaro zu unterstützen. Umgekehrt hat Trump gleichgesinnten Regierungen angeboten, sie finanziell zu unterstützen – nicht zuletzt Javier Mileis Regierung in Argentinien.
André de Mello e Souza ist Wirtschaftswissenschaftler bei Ipea (Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada), einer staatlichen Denkfabrik in Brasilien.
andre.demelloesouza@alumni.stanford.edu