Geflüchtete
In der letzten Kategorie zu landen, heißt, gar kein Essen zu bekommen
Das Geflüchtetenlager Kakuma im Nordwesten Kenias ist Zeugnis menschlicher Widerstandsfähigkeit und Mahnmal für internationale Versäumnisse zugleich. Laut Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) vom Oktober 2025 leben in dieser riesigen Siedlung mehr als 200.000 Menschen. Sie sind unter anderem vor der Gewalt in Südsudan, Somalia und der Demokratischen Republik Kongo geflohen. Viele leben seit Jahrzehnten in Kakuma und versuchen, sich unter entbehrungsreichen Bedingungen ein Leben aufzubauen.
Im vergangenen Jahr haben die Geberländer ihre Hilfsbudgets gekürzt und die internationalen Organisationen damit gezwungen, ihre Aktivitäten im gesamten Lager einzuschränken. Die Folgen sind überall spürbar: Wasservorräte sind geschrumpft, Lebensmittelrationen wurden gekürzt und Geldtransfers drastisch reduziert. Diese Kürzungen treiben eine ohnehin schon gefährdete Bevölkerungsgruppe noch tiefer in die Krise.
Welternährungsprogramm (WFP) und UNHCR, die beiden wichtigsten Hilfsorganisationen in Kakuma, können nicht mehr die gleiche Hilfe leisten wie bisher. Beide multilaterale Organisationen sind auf Gelder von Geberregierungen angewiesen. Allein die USA stellten bislang rund 70 % des Betriebsbudgets des WFP im Lager bereit.
Laut Angaben des WFP-Büros in Nairobi wurden die Lebensmittelrationen im Mai letzten Jahres auf etwa ein Drittel des Lebensmittelminimums gekürzt. Die Organisation führte daraufhin ein Modell der „differenzierten Hilfe“ ein: Die am stärksten gefährdeten Geflüchteten werden mit Rationen versorgt, die 60 % ihres Bedarfs decken, während die am wenigsten gefährdeten gar keine Hilfe mehr erhalten. Mittlerweile berichtet das WFP, die Lage habe sich dank neuer Gelder etwas verbessert, und zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass die Rationen in den kommenden Monaten womöglich wieder erhöht werden können.
Das neue Verteilungssystem umfasst vier Kategorien:
- Kategorie 1: Als „gefährdet“ eingestuft werden Haushalte, denen Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen vorstehen, sowie Haushalte mit einer aus anderen Gründen hohen Abhängigkeitsquote. In diese Kategorie fallen etwa 29 % aller Haushalte in Kakuma.
- Kategorie 2: Haushalte mit begrenzten Möglichkeiten zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse, die nach wie vor mit einer hohen Abhängigkeitsquote und einem minimalen Einkommen konfrontiert sind. Diese Gruppe macht 40 % der Haushalte aus.
- Kategorie 3: „In Teilen selbstständige“ Haushalte, in denen ein oder mehrere Mitglieder einer Beschäftigung oder Erwerbstätigkeit nachgehen. Sie machen 16 % der Campbevölkerung aus.
- Kategorie 4: „Selbstständige Haushalte“, darunter solche, die mehr Einkommen haben, als zur Grundversorgung nötig ist – Händler*innen, Geschäftsinhaber*innen und Personen, die freiwillig auf humanitäre Hilfe verzichten. Diese Gruppe macht vier Prozent der Haushalte aus.
Laut WFP bleiben weitere 11 % der Haushalte unkategorisiert. Unbegleitete Kinder fallen je nach Umständen in Gruppe 1 oder 2.
Im August veröffentlichte „The New Humanitarian“ Ergebnisse, denen zufolge zwei Drittel der Haushalte in Kakuma von einer Mahlzeit pro Tag oder weniger leben. Die durchschnittliche Kalorienzufuhr ist vermutlich unter 1650 Kilokalorien pro Person und Tag gesunken – kaum genug, um einen erwachsenen Menschen zu ernähren, und für viele zu wenig, um gesund zu bleiben.
Kenias Innenminister Kipchumba Murkomen sagte im März 2025, dass die Kürzung der Gelder ein „plötzlicher und schwerer“ Schlag für die Fähigkeit des Landes bedeute, etwa 800.000 Geflüchtete und Asylsuchende zu beherbergen. Durch die schrumpfenden humanitären Budgets gebe es einen unerträglichen sozioökonomischen Druck, mahnte er, und forderte die reichen Länder auf, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Die kenianische Regierung sorgt zwar weiter für Sicherheit und administrative Infrastruktur in Kakuma, hat aber schlicht nicht die Mittel, um auszugleichen, was an externen Hilfen weggebrochen ist.
Stimmen aus Kakuma
Dominic Longolol lebt in Kakuma und verdiente seinen Lebensunterhalt als Dolmetscher für das Kenianische Rote Kreuz, bis seine Stelle wegen der Budgetkürzungen wegfiel. Longolol hält das WFP-System für zutiefst unfair. Trotz Verlusts seines Einkommens wurde seine Familie in Gruppe 4, die Kategorie „selbstständig“, eingestuft. Nun erhalten sie keinerlei Nahrungsmittelhilfe mehr. „Niemand hat uns die Kriterien erklärt“, sagt er. „Eines Tages wachten wir auf und erfuhren, dass wir zu einer bestimmten Kategorie gehören.“
Hunger und Angst führten zu Streit, Diebstahl und anderen Verbrechen, sagt er. Das Fehlen klarer Kommunikation habe zu zusätzlicher Verwirrung, Wut und sogar gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt – zwischen Geflüchteten und Mitarbeitenden des UNHCR, wie auch zwischen Bewohner*innen des Lagers untereinander. Menschen, die früher ihre Ressourcen zusammentaten, um zu überleben, zögern nun zu teilen, aus Angst, ihren eigenen Zugang zu Nahrungsmitteln zu gefährden.
Longolol will nun nach Südsudan zurückkehren und in dem von Konflikten zerrütteten Land Arbeit suchen. Sein Plan ist, seiner Frau Geld zu schicken, damit sie ihre Kinder in Kakuma besser versorgen kann. Derzeit lebt die Familie von den Rationen, die seine Mutter mit ihnen teilt, die als ältere Person unter Kategorie 2 fällt.
Susan Adit ist Freiwillige in mehreren Camp-Kliniken. Sie beobachtet, wie die Ressourcen schwinden und die Fallzahlen steigen. Unterernährung, unzureichende Wasserversorgung und sich verschlechternde Hygienebedingungen führen zu vermeidbaren Krankheiten; auch stressbedingte Erkrankungen nehmen zu. Ernährungsprogramme für Kinder wurden gestrichen. „Früher bekamen Kinder Erdnüsse und Milch als Nahrungsergänzung“, erklärt Adit. „Jetzt brechen diese Programme zusammen.“
Sie ist ebenso besorgt über den Abbau von Bildungsangeboten. In Kakuma gab es immer relativ gute Möglichkeiten der schulischen Bildung – Adit selbst hat im Lager einen Abschluss in „Community Health“ gemacht. Doch da die Spendengelder ausgehen, sollen die Familien nun einen Teil der Kosten selbst tragen. „Meinen jüngeren Geschwistern wurde gesagt, dass ab jetzt alle Eltern etwas bezahlen müssen“, erzählt sie. „Meine Eltern können sich das nicht leisten, und ich kann nicht helfen, weil ich keinen Job habe, der Geld einbringt.“
Die südsudanesische Geflüchtete Lucy Peter betreibt einen kleinen Laden in Kakuma, in dem sie Dinge wie Lebensmittel und Kleidung verkauft. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern wurde in Gruppe 4 eingestuft und hat somit keinen Anspruch mehr auf Lebensmittelhilfe. Sie kämpft hart, um sich und ihre Kinder durchzubringen. Das Geschäft sei in diesem Jahr deutlich zurückgegangen, sagt sie.
Gelegentlich gewährt sie Mitgliedern der Gemeinde einen Kredit und gibt ihnen Lebensmittel und Wasser auf Vertrauensbasis. Manche zahlen ihre Schulden zurück, andere nicht. Da sie alle in einer schwierigen Lage sind, nimmt sie das niemandem übel. Laut Lucy gab es in Kakuma immer wenig Geld, aber die Kürzungen haben es exponentiell schwieriger gemacht, zu überleben.
Die Menschen in Kakuma warten – auf Essen, Wasser, ein Zeichen, dass die Welt sie nicht völlig im Stich gelassen hat. Immer mehr sind inzwischen so verzweifelt, dass sie bereit sind, in ihre Heimatländer zurückzukehren, obwohl sich die Situation, vor der sie geflohen sind, dort nicht verbessert hat. Vielen erscheint das kalkulierte Risiko einer Rückkehr mittlerweile besser als die langsame Verelendung im Lager.
Alba Nakuwa ist freie Journalistin aus dem Südsudan. Sie lebt in Nairobi.
albanakwa@gmail.com