Entwicklung und
Zusammenarbeit

Grenzüberschreitende Konflikte

Pakistan und Afghanistan: Krieg statt Korridor

Der aktuelle bewaffnete Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan ist mehr als eine Eskalation jahrzehntelanger Grenzstreitigkeiten. Er ist auch eine Folge von Pakistans Unterstützung für Islamisten in Afghanistan. Leidtragende ist vor allem die Zivilbevölkerung beider Länder. Auch eine Realisierung grenzüberschreitender Infrastrukturvorhaben, von der die gesamte Region profitieren würde, rückt damit in weite Ferne.
Beerdigung für Opfer eines pakistanischen Luftschlags auf eine Drogenentzugsklinik in Kabul im März. Laut UN-Angaben kamen dabei mindestens 143 Zivilist*innen ums Leben. picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Siddiqullah Alizai
Beerdigung für Opfer eines pakistanischen Luftschlags auf eine Drogenentzugsklinik in Kabul im März. Laut UN-Angaben kamen dabei mindestens 143 Zivilist*innen ums Leben.

Über Jahrzehnte versuchte Islamabad, seine Sicherheitsprobleme durch ein befreundetes Regime in Kabul zu lösen. Aus der Angst vor einem Zweifrontenkrieg mit Afghanistan im Westen und Indien im Osten wurde die Vorstellung geboren, Afghanistan müsse als strategischer Rückzugsraum dienen (Doktrin der „strategischen Tiefe“). Der Geheimdienst ISI setzte dafür auf bewaffnete islamistische Akteure: zuerst gegen die Sowjetunion in den 1980er-Jahren, später auch in Kaschmir (seit den 1990er-Jahren) und gegen die afghanische Republik (etwa ab 2005). In diesem Umfeld entstanden 2007 die pakistanischen Taliban (Tehrik-e-Taliban Pakistan – TTP) als Sammelbecken jener Kämpfer, die ursprünglich „für Pakistan“ in Afghanistan kämpften. Solange sie jenseits der Grenze aktiv waren, galten sie als „gute“ Taliban. Erst als Teile dieses Spektrums ihre Waffen gegen Pakistan richteten, wurden sie zu „schlechten“ Taliban erklärt – doch da war deren Infrastruktur längst im eigenen Land verankert und schwer kontrollierbar.

Der heutige Krieg ist die militärische Übersetzung dieses Dilemmas. Islamabad wirft dem Islamischen Emirat Afghanistan vor, TTP-Angehörigen Schutzräume, Ausbildung und Logistik zu gewähren und damit seine Souveränität zu verletzen. Die Taliban wiederum verurteilen pakistanische Luftschläge bis Kabul und Kandahar als eklatante Verletzung ihrer Souveränität. Pakistan präsentiert den Krieg als notwendige Selbstverteidigung gegen aus Afghanistan gesteuerte Anschläge. 

Tatsächlich sind Loyalitäten und Familienbanden zwischen TTP-Kadern und afghanischen Taliban eng, und das Emirat kann diese Nähe kaum glaubhaft leugnen, selbst wenn es bestreitet, Terror zu unterstützen. Gleichzeitig ist der Terrorismus in Pakistan nicht importiert, sondern zu einem großen Teil hausgemacht: Er speist sich aus genau den Netzwerken, die der Staat selbst aufgebaut und nur selektiv bekämpft hat. Luftschläge, Drohnen, die Erklärung des „offenen Kriegs“ – all das verschiebt ein inneres Sicherheitsproblem nach außen, ohne dessen Ursachen zu bearbeiten.

Unterdrückung von Frauen in Afghanistan, mächtiges Militär in Pakistan

Moralische Überlegenheit kann keine der Kriegsparteien für sich beanspruchen. Das Taliban-Regime hat eine Ordnung institutionalisiert, in der Frauen systematisch unterdrückt werden. Seine gesellschaftliche Basis ist begrenzt. Pakistans Politik ist stark vom Militär geprägt: Themen wie Grenzräume, Rohstoffgewinnung, die jahrzehntelange Präsenz von Afghan*innen in Pakistan und soziale Basisbewegungen für die Rechte ethnischer Gruppen werden vor allem als Sicherheitsfragen behandelt. 

In dieser Situation zahlen Zivilist*innen in beiden Staaten den höchsten Preis. Afghan*innen leben seit 1978 fast ständig in Kriegen und Krisen, für viele heißt „Alltag“ vor allem Unsicherheit und Armut. In Pakistan, insbesondere der Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa, erleben die Menschen seit 9/11 durch Anschläge der TTP und Militäroperationen des eigenen Staates extremste Gewalt. 

Für die Region ist der ökonomische Preis bereits hoch – und wird mit anhaltender Eskalation weiter steigen. Grenzschließungen, unterbrochener Handel und gestoppte Verkehrs- und Pipelineprojekte bremsen die Verbindung zwischen Zentralasien und Pakistan stark aus. Was als Landbrücke zwischen Märkten verkauft wurde, weicht der Realität von Pufferzonen, Bombardierungen und Massendeportationen. Mehr als 2 Millionen Afghan*innen wurden seit September 2023 aus Pakistan ausgewiesen, begleitet von gewaltvollen Familientrennungen, Festnahmen und Zwangsenteignungen – ein politisches Druckmittel, das soziale und wirtschaftliche Verflechtungen zerschneidet. In einem Umfeld, das zusätzlich vom Krieg in Iran, volatilen Energiepreisen und globalen Rivalitäten geprägt ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Afghanistan und Pakistan in absehbarer Zeit von den geplanten grenzüberschreitenden Energie- und Infrastrukturprojekten profitieren werden. Was als Konnektivität greifbar schien, mündet in kollektive Isolation.

Wenig Aussichten auf stabilen Frieden

Internationale Vermittlungsbemühungen – von islamischen Staaten bis hin zu China – können an dieser Grundkonstellation bislang wenig ändern. Sie handeln Waffenruhen aus, mahnen die Einhaltung bestimmter roter Linien und Dialog an. Doch solange Pakistan an seiner Sicherheitslogik festhält und die Taliban-Regierung den Konflikt nutzen kann, um ihren Rückhalt im Innern zu stärken, bleiben diese Initiativen wenig aussichtsreich. 

Die jüngste diplomatische Aufwertung Pakistans als Vermittler im Iran-USA-Konflikt und seine Nähe zur Trump-Regierung haben das pakistanische Militär innenpolitisch gestärkt. Im Umkehrschluss heißt das, dass international über die Militarisierung der pakistanischen Innenpolitik und das gewaltsame Vorgehen gegen die ethnische Gruppe der Paschtun*innen wie auch gegen Afghanistan hinweggesehen wird. Dabei vertieft jeder Luftschlag, jede Drohne, jeder Anschlag die bestehende Kluft. Neue Generationen von Kämpfern radikalisieren sich weiterhin beiderseits der Grenze.

Langfristiger Frieden ist unter diesen Vorzeichen ebenso unwahrscheinlich wie die Einlösung der viel beschworenen Konnektivitätsaussichten. Für Islamabad erscheint der Krieg als Fortsetzung einer alten Doktrin mit neuen Mitteln; für Kabul ist er ein Instrument der inneren Konsolidierung gegen einen äußeren Feind. Die Rechnung zahlen die getöteten und verletzten Zivilist*innen sowie insbesondere die afghanische Bevölkerung, deren humanitäre Lage sich jeden Tag verschlechtert. Unmittelbar betroffen sind auch jene, die davon leben, dass der Grenzverkehr von Gütern und Dienstleistungen möglichst ungehindert fließt: Händler, Transportarbeiter, Landbesitzer und Tagelöhner. Krieg statt Korridor ist deshalb keine Schlagzeile, sondern die nüchterne Beschreibung eines politischen Scheiterns, das die Betroffenen weiter an den Rand der globalen Ordnung drängt.

Katja Mielke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am bicc – Bonn International Centre for Conflict Studies.  
katja.mielke@bicc.de 

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