Unfreiwillige Migration
Das harte Schicksal afghanischer Familien, vertrieben aus Pakistan
Für Sumandar Khan war Sialkot im Nordosten Pakistans nie nur eine Zwischenstation. Es war seine Heimat. Mehr als 20 Jahre lang lebte der afghanische Staatsbürger in den engen Gassen des Viertels Pak Pura, zog dort acht Kinder groß, führte ein kleines Schuhgeschäft und begrub seine Eltern auf dem örtlichen Friedhof. Sein ältester Sohn verdiente seinen Lebensunterhalt mit einem Schawarma-Stand ein paar Straßen weiter. Das Leben der Familie war geprägt von Arbeit, Schule und nachbarschaftlichen Beziehungen. Pakistan war für sie kein Zufluchtsort, sondern das einzige Land, das sie kannten.
Diese Gewissheit zerbrach, als die Behörden anfingen, strengere Maßnahmen gegen afghanische Staatsangehörige ohne gültige Papiere durchzusetzen. Plötzlich stellte die Polizei immer mehr Verwarnungen aus, und auch die Verhaftungen nahmen zu. Schnell verbreitete sich in Vierteln wie Pak Pura die Botschaft: Geht freiwillig, oder ihr werdet weggeschafft. Für Familien, die dort jahrzehntelang ohne großes Aufsehen gelebt hatten, kam dieser Wandel abrupt und hatte verheerende Folgen. Seit eh und je hatten sie Miete gezahlt, ihre Kinder zur Schule geschickt und zur lokalen Wirtschaft beigetragen. Nun wurden sie über Nacht zu Außenseiter*innen erklärt.
Als die Familie von Sumandar Khan anfing zu packen, wurde die Realität für sie plötzlich greifbar: Möbel, Haushaltswaren und andere Gerätschaften mussten zu Schleuderpreisen verkauft werden. Denn die Käufer wussten natürlich, dass die betroffenen Familien nicht in der Lage waren, zu verhandeln. Jeder Verkauf fühlte sich für sie an wie eine kleine Kapitulation. Die letzten Tage waren geprägt von Stille und unbeantworteten Fragen. Die Kinder verstanden nicht, warum sie gehen mussten. Sie waren doch in Pakistan geboren; ihre Erinnerungen waren verbunden mit Schulhöfen, lokalen Märkten und Freund*innen aus der Nachbarschaft. Afghanistan kannten sie nur aus Erzählungen der Erwachsenen.
Ein paar Straßen weiter lebte Bakhto Khan, wie Sumandar ebenfalls afghanischer Staatsbürger. Bakhto führte ein kleines Gemüsegeschäft und verkaufte Tomaten, Kartoffeln und Obst an Nachbar*innen, die ihn seit Jahren kannten. Seine sieben Söhne wurden alle in Pakistan geboren. Gearbeitet haben sie, wo immer es Arbeit gab, sei es als Träger auf Märkten oder als Helfer in Werkstätten oder kleinen Geschäften.
Bakhto hätte niemals gedacht, dass seine Zeit nach Jahrzehnten in Pakistan enden würde, nur weil er keine Ausweisdokumente hatte. Wie viele andere lebte er ruhig, vermied Probleme und konzentrierte sich darauf, seine Familie zu ernähren. Als die Maßnahmen verschärft wurden, schloss er sein Geschäft ohne Ankündigung. Seine Söhne verließen ihre Arbeitsstellen ohne Erklärung. Groß verabschieden konnten sie sich nicht; sie mussten hastig packen, aus Angst, festgenommen zu werden.
Mehr als 150.000 Afghan*innen verhaftet
Szenen wie diese spielen sich tagtäglich in Pakistan ab. Afghanische Familien verlassen ihre Häuser, in denen sie seit Generationen gelebt haben. Oft stehen sie unter hohem Druck und haben kaum Zeit, sich darauf vorzubereiten. Viele von ihnen haben in Städten wie Islamabad, Rawalpindi, Sialkot und Peshawar gelebt, in denen afghanische Gemeinschaften längst Teil des Stadtlebens sind.
Das Ausmaß der Krise wird mit Blick auf die Zahlen greifbar. Im Jahr 2025 wurden nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 150.000 afghanische Staatsangehörige in Pakistan verhaftet oder inhaftiert. Zwischen dem 25. und dem 31. Januar 2026 wurden mehr als 1500 Afghan*innen festgenommen, die meisten davon in der Provinz Belutschistan und auf dem Gebiet der Hauptstadt Islamabad.
Als Gründe führen Behörden immer wieder Sicherheitsbedenken an und verweisen auf grenzüberschreitende militärische Aktivitäten und Angriffe, die angeblich von afghanischem Boden ausgingen. Afghanische Behörden weisen die Vorwürfe zurück, doch die Zivilbevölkerung leidet weiterhin unter den schwerwiegenden Folgen. Die Möglichkeiten, sich rechtlich davor zu schützen, schwinden für die Betroffenen zusehends: Maßnahmen, die ursprünglich nur auf Migrant*innen ohne Papiere abzielen sollten, wurden inzwischen auch auf Inhaber*innen der afghanischen Bürgerkarte ausgeweitet.
Islamabad stellt die Abschiebungen als eine Frage des Rechts, der Sicherheit und der Souveränität dar. Vor Ort erleben die Menschen sie jedoch als Verlust und Vertreibung. Für Familien, die jahrzehntelang zur informellen Wirtschaft Pakistans beigetragen haben, erscheint die Unterscheidung zwischen dokumentierten und undokumentierten Personen realitätsfern.
Die Geschichte von Sumandar Khan zeigt, was Statistiken nicht erfassen können: die Angst vor einem nächtlichen Klopfen an der Tür, die Demütigung, Hab und Gut unter Wert verkaufen zu müssen, oder die stille Trauer darüber, die Gräber der Eltern zurückzulassen. Erfahrungen wie diese spielen sich fernab von Kameras und offiziellen Stellungnahmen ab, doch sie spiegeln die Krise deutlicher wider als jede Zahl.
Für Familien wie die Khans greift die Entscheidung, zu gehen, tief in ihre Identität ein und weckt existenzielle Zukunftsängste. Afghanistan ist ihnen zwar dem Namen nach vertraut, in Wirklichkeit jedoch fremd. Viele Rückkehrende besitzen dort weder Eigentum noch haben sie gute Aussichten auf Arbeit oder ein Netzwerk, das sie unterstützt. Sie kommen mit kaum mehr als Kleidung und Erinnerungen in Afghanistan an – in Regionen mit wenig offenen Stellen und kaum Hilfsangeboten.
Für Kinder ist die Situation besonders schwer. Ihr Schulbesuch wird unterbrochen, und sie müssen wichtige soziale Kontakte zurücklassen. Oft ist ihre Muttersprache Urdu, die Landessprache Pakistans. Viele sehen sich einer ungewissen Zukunft in Schulen gegenüber, deren Lehrplan, Sprache und Kultur ihnen fremd sind. Die Grenze nach Afghanistan zu überqueren, stellt für sie keine Rückkehr dar, sondern einen erzwungenen Abschied von allem, was sie bisher kannten. Für Mädchen und junge Frauen bedeutet die Flucht das vorzeitige Ende ihrer Schulzeit. In Afghanistan dürfen sie nur bis zur sechsten Klasse die Schule besuchen. Die menschenrechtliche Situation für Frauen in Afghanistan ist generell verheerend.
An Grenzübergängen wie Torkham und Spin Boldak wird sichtbar, welchen Preis diese Menschen zahlen müssen. Lange Warteschlangen bilden sich und ziehen sich über Stunden hin. Ältere Familienangehörige sitzen am Straßenrand. Mütter tragen ihre Säuglinge und mummeln sie ein, um sie vor der Kälte zu schützen. Jugendliche stehen schweigend da und halten kleine Taschen mit ihrem ganzen Hab und Gut in der Hand. Manche Familien wählen inoffizielle Routen durch Provinzen wie Helmand und Paktika, in denen Gewalt, Landminen und Ausbeutung drohen.
Afghanische Gemeinschaften unter Druck
Humanitäre Organisationen warnen, dass Afghanistan auf das Ausmaß der Rückkehr kaum vorbereitet ist. Die Afghanische Rothalbmondgesellschaft meldete im November 2025 Rekordzahlen täglicher Ankünfte, was ihre Kapazitäten an Nahrung, Unterkunft und medizinischer Versorgung an die Grenzen gebracht habe. Zusammen mit Rückführungen aus Iran, das in den vergangenen Jahren ebenfalls Hunderttausende Afghan*innen abgeschoben hat, hat der Druck auf die Gemeinden vor Ort einen kritischen Punkt erreicht.
In ganz Afghanistan kämpfen Rückkehrende darum, sich in einem ohnehin angespannten Umfeld ein neues Leben aufzubauen. Der Mangel an Wohnraum, die eingeschränkte Gesundheitsversorgung und das fragile Bildungssystem machen es den Familien schwer. Viele fühlen sich gefangen zwischen zwei Ländern: im einen unerwünscht, im anderen fremd.
Die Vertreibung afghanischer Familien aus Pakistan ist kein temporäres Phänomen, sondern eine langfristige humanitäre Herausforderung. Die Balance zwischen Sicherheitsinteressen und humanitärer Verantwortung bleibt eine Bewährungsprobe nicht nur für Pakistan, sondern auch für die internationale Gemeinschaft. Die Unterstützung der Rückkehrenden sowie der Schutz der Rechte und der Würde von Kindern werden darüber entscheiden, wie dieses Kapitel in Erinnerung bleiben wird.
Für Sumandar Khan, Bakhto Khan und viele andere ist der Weg nach Afghanistan viel mehr als nur die Überquerung einer Landesgrenze. Es ist eine Reise mit Verlusten, Erinnerungen und einem erzwungenen Neuanfang. Ihre Heimat, geprägt von den bekannten Straßenzügen und der Nachbarschaft, wurde für sie zu einer Erinnerung, die sie mit sich tragen. Die Folgen dieses Verlusts werden ihr Leben noch lange prägen, wenn sie die Grenzlinie längst hinter sich gelassen haben.
Aqsa Younas ist internationale Journalistin und Sozialaktivistin mit Sitz in Pakistan.
aqsayounas666@gmail.com